Im Rückblick Verstehen

In 1. Mose 50, 26 wird uns von Josephs Tod erzählt: Und Joseph starb, 110 Jahre alt; und man balsamierte ihn ein und legte ihn in einen Sarg in Ägypten. Ich kann nur erahnen, welche Gedanken er auf dem Sterbebett hatte, an welche Situationen seines ereignisreichen Lebens er besonders zurückdachte.

Im Alter von gerade einmal 17 Jahren besuchte er seine elf Brüder auf dem Feld, als sie das Vieh hüteten. Joseph war der Lieblingssohn seines Vaters Jakob und es verwundert nicht, dass ihn das bei seinen Bruders verhasst machte. Sie wollten ihn loswerden. Sie packten ihn und warfen ihn in einen leeren, dunklen Brunnen. Die Bibel erzählt uns nichts über die Gedankenwelt des jungen Joseph, sie erwähnt kein Aufschreien, keine Gebete. Aber in etwa so stelle ich es mir vor. Herr, wo bist du? Hilf mir! Warum lässt du zu, dass meine Brüder so mit mir umgehen? Warum greifst du nicht ein? Was habe ich getan?

Irgendwann, als die Schatten länger wurden und kaum mehr Licht in die Grube fiel, wurde plötzlich ein Seil heruntergelassen. Da ist meine Rettung. Du hast mich doch nicht vergessen! Aber statt in versöhnliche, entschuldigende Gesichter seiner Brüder zu blicken, sah er sie gleichgültig zwischen ihm unbekannten Männern und Kamelen stehen, die er aus Erzählungen über das weit entfernte Ägypten kannte. Er war verwirrt und hatte Angst, doch niemand antwortete auf sein fragendes Rufen. Er wurde gebunden und sah sich alsbald inmitten einer Karawane, die langsam in Richtung der untergehenden Sonne zog. Mein Gott, warum? Was passiert gerade, warum bin ich hier? Warum nimmt man mich meiner Familie weg? Bring mich zurück zu meinem Vater, ich habe Angst!

Man brachte ihn stattdessen nach Ägypten, in das Haus eines einflussreichen Beamten. Dessen Frau hatte ein Auge auf ihn geworfen und wollte ihn verführen. Joseph widersetzte sich – und landete dafür im Gefängnis. Nun saß er dort, auf dem feuchten Boden und atmete die gleiche stickige Luft wie Mörder, Diebe und Betrüger. Gott, wie kann das sein? Warum lässt du es zu, dass ich für meine Gerechtigkeit bestraft werde? Seit fast einem Jahr bete ich täglich zu dir, dass du mich befreist, aber nichts passiert. Warum antwortest du mir nicht? Warum bleibst du stumm?

Als Joseph am Ende über sein Leben nachdachte, muss er diese Situationen vor Auge gehabt haben. All die Schwierigkeiten und Probleme, die er bereits in jungen Jahren erfahren hatte, zogen noch einmal an ihm vorbei. Mit Sicherheit konnte er lebhaft den Schmerz spüren, den er empfunden hatte, als er zu seinem Gott geschrien hatte, der aber scheinbar taub gewesen war für seine Gebete. All mein verzweifeltes Rufen, meine Enttäuschung über die nicht stattgefundene Rettung. So oft habe ich mich gefragt, wo du gewesen bist, ob du mich vergessen hast. Ob der Brunnen zu tief, die Wüste zu weit oder die Gefängnismauern zu dick waren, als dass du mich hättest sehen können.

Aber ich bin überzeugt, dass Joseph an den Wendepunkt zurückdenken musste. Nach einiger Zeit – Joseph war tatsächlich zu Ansehen in Ägypten gekommen und verwaltete als zweitmächtigster Mann die reichlichen Getreidevorräte – plagte eine Hungernot den gesamten Orient. Es kam, wie es kommen musste. Auch seine Brüder zogen nach Ägypten, um Weizen zu kaufen. Nach einem Test erkannte er, dass sich seine Brüder geändert hatten und nicht mehr das harte Herz von damals in ihrer Brust schlug. Er gab sich ihnen in einem tränenreichen Gespräch zu erkennen. Ich bin Joseph, euer Bruder, den ihr nach Ägypten verkauft habt! Und nun bekümmert euch nicht und macht euch keine Vorwürfe darüber, dass ihr mich hierher verkauft habt; denn zur Lebensrettung hat mich Gott vor euch hergesandt! (1. Mose 45, 4-5).

Das sind erstaunliche Worte. Auf dem Sterbebett muss er sich rückblickend an den Moment erinnert haben, in dem alles Sinn ergeben hatte. An den Moment, in dem er verstanden hatte, dass Gott ihn in den schlimmsten Abschnitten seines Lebens nicht vergessen hatte, ganz im Gegenteil. Gott hatte einen Plan mit ihm gehabt, den er nicht sehen konnte, und hätte er Josephs Gebete auf die Art und Weise erhört, wie er nach Rettung gerufen hatte, hätte er nicht funktionieren können. Hätte Gott ihn aus dem Brunnen geholt oder die Karawane umkehren lassen und ihn zu seinem Vater zurückgebracht, worum er gefleht hatte, wäre er nicht nach Ägypten gekommen. Hätte er ihn aus dem Gefängnis befreit, wäre er nicht am Hof des Pharao gelandet. Wäre all das nicht passiert, wären viele Menschen verhungert, inklusive der Familie Josephs.

Ihr gedachtet mir zwar Böses zu tun; aber Gott gedachte es gut zu machen, um es so hinauszuführen, wie es jetzt zutage liegt, um ein zahlreiches Volk am Leben zu erhalten. (1. Mose 50, 20).

Und ich bin mir sicher, dass Joseph eine noch viel weitreichendere Lektion gelernt hatte, die auch uns in unserem Leben Perspektive gibt. Wenn Jesus zum Gebet ermutigt, tut er es zum Beispiel so: Bittet, so wird euch gegeben; sucht, so werdet ihr finden; klopft an, so wird euch aufgetan! (Matthäus 7, 7). Er sagt nicht: Bittet, so wird euch das genau gegeben, worum ihr bittet, auf die Art und Weise, wie ihr es euch vorstellt und wann ihr es euch wünscht. Und er macht klar: mal werdet ihr Gott direkt bitten, weil ihr wie ein Kind den Vater direkt seht und spürt; mal müsst ihr suchen und manchmal ringen und klopfen, weil eine Tür die Sicht versperrt. Aber immer werdet ihr neue Kraft bekommen, dem Plan des Vaters zu folgen. Immer werdet ihr ein Stückchen mehr euer Herz auf Gott und seinen souveränen Willen ausrichten, auch wenn alles neblig erscheint. Manchmal wird es noch hier auf der Erde einen Wendepunkt geben, der uns im Rückblick alles verstehen lässt, was in den Momenten der Sinnlosigkeit undurchsichtig war, wie bei Joseph. Und manchmal wird der Rückspiegel erst im Himmel vom Schmutz befreit, der die Sicht versperrt. Aber ohne Ausnahme werden wir im Rückblick verstehen.

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