Früchte aus einem fernen Land

Man erzählt sich eine Geschichte aus alten Tagen, die von einer armen Familie in den unwirtlichen Bergregionen im kalten Nordosten des fernen Kanadas handelt. Der Vater war ein einfacher, hart arbeitender Bauer, dessen karger Lohn gerade für das Nötigste ausreichte. Die Mutter kümmerte sich um das Haus und war bemüht, den vier jungen Kindern wenigstens zweimal in der Woche eine warme Mahlzeit bereiten zu können. Die tägliche Sorge war gerade im Winter besonders groß, wenn eisiger Wind um die verschneiten Bergwipfel sauste und klirrende Kälte scheinbar jedes Leben einfror.

Eines Tages schickte der Vater seinen ältesten Sohn, einen Jungen von gerade einmal zehn Jahren, in das nächstgelegene Dorf, um Besorgungen zu erledigen. Das wenige Geld, das er in den letzten Wochen erwirtschaften konnte, wurde benötigt, um Seife zu kaufen und Lebensmittel, die man nicht selbst herstellen konnte. So zog der Junge los, alleine, seinen dünnen Körper fest eingewickelt in einen löchrigen, viel zu großen Mantel, den er einst von seinem Großvater geerbt hatte. Die Familie wohnte so weit abgelegen, dass er einen halben Tag zu gehen hatte.

Im kleinen Dorf, dessen Anblick von verwitterten Hütten und einer kleinen, backsteinernen Kapelle geprägt wurde, war ungewöhnlich viel los. Ein schier endloser Zug aus unüberblickbar vielen Holzwagen, an die Pferde gebunden waren, nahm mehr als die Hälfte des gesamten Marktplatzes ein. Der Junge wunderte sich. Fremde kamen normalerweise nicht in diese raue Gegend. Als er mit von der Kälte steifen Gliedmaßen zum kleinen Laden stapfte, fiel ihm ein Mann in einem fein gewebten Gewand auf. Er entlud große, hölzerne Kisten von einem der Wagen. Der Junge näherte sich vorsichtig, und gerade als er die bunten Kugeln sah, die sich darin befanden, trafen sich die Blicke der beiden so ungleichen Gestalten.

Nachdem sie einige Augenblicke so verweilt hatten, winkte der Mann den Jungen zu sich. Er sah seine knochigen Gesichtszüge und die kärgliche Kleidung, und verspürte instinktiv ehrliches Mitleid. Er wollte ihm etwas Gutes tun und reichte ihm eine der Orangen, die er aus seiner Heimat mitgebracht hatte.

Der Junge sah etwas ratlos drein. Ein solches Etwas hatte er noch nie in den Händen gehalten, er hatte keinen Begriff dafür. Die Farbe ähnelte ein wenig der Sonne, die sich für wenige Stunden an seltenen Tagen im Spätsommer über dem Kartoffelfeld seines Vaters zeigte. Der Kaufmann bedeutete ihm, die Schale mit den Fingern zu öffnen und von dem Inhalt zu kosten. Der Junge biss hinein – und seine Augen leuchteten mit einem Glitzern, wie es dort noch nie zuvor gesehen wurde. So etwas süßes und schmackhaftes hatte er noch nie gegessen. Der Mann erzählte ihm, dass die Früchte aus einem exotischen, fernen Land stammten, in dem die Sonne nie unterging und dort an Bäumen wuchsen, in solch gewaltiger Menge, dass die Äste bis zum Boden reichten.

Der Junge wusste nicht, wo dieses Land war. Er war nie weiter als dieses Dorf gekommen. Er konnte sich nicht vorstellen, wie es dort aussehen musste, seine Fantasie reichte nicht aus, um sich die goldenen Obstwiesen und die wohlige Wärme vorzustellen, in die die Sonne sie tauchte. Aber er wusste, dass dieses Land existierte, weil er seine Früchte geschmeckt hatte. Seit diesem Tag wünschte er sich nichts sehnlicher, als irgendwann dieses Land zu sehen – ein Land so weit entfernt und so anders als sein eigenes.

Die Bibel erzählt uns eine sehr ähnliche Geschichte. Es ist unsere Geschichte, die wir jeden Tag vor Augen sehen. So wie dieser kleine Junge in einer schroffen Gegend, leben wir in einer Welt, in der häufig Bosheit, Gehässigkeit und Missgunst regieren, in der Sorgen, Krankheit und Schmerz scheinbar triumphieren. In all dem stehen wir, frierend und erschöpft und fragen uns – existiert der Himmel wirklich? Kann es sein, dass die Geschichten, die die Bibel über dieses so weit entfernte und goldene Land erzählen, tatsächlich wahr sind?

C. S. Lewis erzählt davon, dass wenn wir ein Verlangen haben, das von dieser Welt nicht gestillt werden kann, die wahrscheinlichste Erklärung ist, dass wir für eine andere geschaffen sind. Und wenn wir Freude verspüren, die nicht auf diese Welt zurückzuführen ist, weil sie in anderen Kategorien denkt, so ist die wahrscheinlichste Erklärung, dass sie von einer anderen Welt stammen. Orangen wachsen nicht in den eisigen Bergregionen Kanadas. Genauso wachsen Freude und Zuversicht in leidvollen Situationen nicht natürlich in den Herzen der Menschen. Liebevolle Großzügigkeit wächst nicht in harten Händen. Aufopferungsvolle Liebe erwächst nicht aus egoistischer Gesinnung.

Wenn wir all das in einer Beziehung mit Gott erleben, so dürfen wir einen unverkennbaren Beweis dieses fernen und wunderschönes Landes spüren. So wie der Junge keinen Zweifel daran hatte, dass die Region existiert, aus der die saftigen Orangen stammten, dürfen wir zuversichtlich in unseren Herzen wissen, dass das ferne Land existiert, aus dem Heil, Liebe und Licht stammen, die wir hier schon kosten dürfen. Auch wenn wir uns nicht vorstellen können, wie schön und herrlich es dort sein muss und wann wir es erreichen, dürfen wir voller Vorfreude darauf hinleben.

So wie der Junge einen Vorgeschmack von etwas viel Wunderbarerem haben durfte, dürfen wir hier schon die Früchte des Himmels schmecken, eines Landes, in dem alle Schuld vergeben ist, in dem zerbrochene Beziehungen wiederhergestellt sind, in dem alle Tränen abgewischt werden, in dem wir ein ewiges Festmahl mit unserem Herrn feiern werden, in dem wir seinen heiligen Namen von Angesicht zu Angesicht anbeten werden. Heute sind wir wieder einen Tag näher an diesem Land.

Es heißt, dass sie zu einem Abendmahl eingeladen sind, nicht nur zu einem Mittagessen, denn am Ende der Tage wird das Hochzeitsmahl des Lammes mit Sicherheit ein großes Festmahl sein.

– Beda Venerabilis
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